Harfe "Nechanice"

große Böhmin

Der Orgelbaumeister Winfried Goerge beschäftigt sich seit gut 30 Jahren nebenberuflich als freischaffender Musikinstrumentenmacher. Hauptsächlich rekonstruiert er seltene Instrumente aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters, wie sie auf Deckengemälden in Sakralbauten oder als Steinmetzarbeiten an Kirchen, Burgen und Schlössern zu finden sind.

Diese Harfe ist ein Auftrags-Nachbau einer Wanderharfe, der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts, aus Nechanice im tschechischen Böhmen. Zu der Zeit benutzten Wandermusikanten (sogenannte Harfenjulen) diese Form von Harfen, um für sich und ihre Familien Geld zu verdienen. Sie spielten beliebte Tanzmelodien und sangen dazu die populären Lieder der Zeit.

Zum Ändern der Tonart befinden sich an einigen Saiten einfach konstruierte Haken aus gebogenem Messingdraht, welche dieser Gattung Harfen den ursprünglich bezeichnenden Namen "Hakenharfen" eingebracht hat. Leider hat sich der Begriff bis in die heutige Zeit auch für Harfen mit aufwendigen Halbtonmechaniken erhalten.

Ein besonderes Konstruktionsmerkmal ist die diagonal gemaserte Klangdecke. Anders als bei einer üblicherweise quer gemaserten Anordnung, kann die Klandecke durch die längeren Holzfasern besser und freier Schwingen. Während böhmische Harfen entweder Schallöcher in der Rückwand oder geschnitzte Rosetten in der Klangdecke (z.B. aus Preßnitz) aufweisen, ist der Korpus dieser Harfe rundherum geschlossen.

Die Saiten werden auf der Decke mit Pins fixiert, wie man sie von Gitarren kennt.

Im März 2013 ist die 19 Jahre alte Harfe bei mir gelandet. - mit teils fehlenden Darmsaiten, vergriesgnaddelten Wirbeln, verbogenen Haken, einem Trocknungsriß in der Klangdecke und in einem recht schlecht gepflegten Allgemeinzustand. Dafür aber in einer stabilen Gesamtkonstitution. Ich vermute, dass die Harfe das vergangene Jahrzehnt nur als Deko-Objekt in einer Diele verbracht hat.

Die Aufarbeitung

In den langen Trocknungsriß der unteren Klangdecke wurden zwei angepasste Holzspäne eingeleimt. Um die Harfe optisch wieder ansprechend aufzuarbeiten, musste ich zuerst die vielen kleinen Macken, Kratzer und abgegriffenen Stellen im Holz heraus schleifen. Anschließend wurde sie poliert und mit mehreren Schichten Hartöl versiegelt. Durch das samtweiche und "streichelzarte" Oberflächenfinish wirkt die Harfe nun schon deutlich frischer.

Die alten Wirbel waren zum Teil schon aufgebogen, angebrochen und hielten mit ihrer balligen Form schlecht im Wirbelstock. Für den neuen Stimmwirbel-Satz mussten zwar alle Löcher etwas größer ausgerieben werden, dafür lassen sie sich unter Spannung aber auch wieder ohne großen Kraftaufwand ruckelfrei drehen und klemmen dabei zuverlässig fest.

Zur Klangverbesserung hat die Harfe einen komplett neu errechneten Saitensatz bekommen. Mein Wunsch war es, diese Harfe nur mit "glatten" Saiten zu bestücken - so wie beim Original. Ein vollständiger, neuer Satz Darmsaiten hätte allerdings an die 600 Euro gekostet. Wenn man bedenkt, dass die HH-Saite bereits dicker ist als die "kleine" G-Saite eines Kontrabass, versteht man das Preisargument.

Statt Darm- und Nylonsaiten erklingen nun Saiten aus Tynex und Aquila-Nylgut (künstlicher Darm-Ersatz).

Passend zur Kirsch- und Magnolienblühte fertig geworden, konnte sich die Harfe gleich in den ersten Strahlen der April-Frühlingssonne als Fotomodell präsentieren.

Leider bog sich die Vorderstange bereits nach wenigen Tagen zu stark durch, obwohl ich die Gesamt-Saitenspannung mit dem neu aufgezogenen Saitensatz nicht erhöht hatte. So verbrachte die Harfe den Sommer über bei einem befreundeten Harfenbauer, der mir eine stabilere Vorderstange für die Harfe angefertigt hat.

Seit dem Herbst 2013 steht die "generalüberholte" Harfe nun spielfertig im Wohnzimmer und verwöhnt mich mit einem unglaublich vollen und satten Sound. Die Investition in Nylgut-Saiten hat sich gelohnt!

Die ursprünglich montierten Haken zur Halbton-Erhöhung funktionieren aufgrund ihrer grobschlächtigen, massiven Bauweise nicht gut. Beim Eindrehen wird die Saite weit aus ihrer normalen Position zur Nachbarsaite hin abgedrückt.
Auch wenn es ein historischer Stilbruch ist, wird die Nechanice im März 2014 von dem alten Drehhaken-System auf moderne Halbtonmechaniken umgerüstet.

Um aktuelle Halbtonklappensysteme zu montieren, müssen zuvor Stegstifte angebracht werden, damit jede einzelne Saite in einer definierten Position gehalten wird. Aufgrund der verhältnismäßig geringen Saitenspannung habe ich nur die beiden kleinsten Stegstift-Typen von Camac verbaut. Auf dem schmalen Wirbelstock wirken die Stegstifte eher dezent und nicht so "übermächtig"

Das größte Problem, bei der Umrüstung auf Halbtonklappen, sind die ungewöhnlich langen Mensuren im Verhältnis zum recht schmalen Wirbelstock. Der Abgriffpunkt für die Halbtonklappen (dort wo die Mechanik die Saite verkürzen soll) liegt rechnerisch bei einem Achzehntel (1/18) der frei schwingenden Saitenlänge. Die tiefste C-Saite ist beispielsweise 1,17 Meter lang. Der Abgriffpunkt liegt somit ungefähr 6,5 cm unterhalb des Stegstiftes. Der Wirbelstock ist dort aber nur noch 4,5 cm breit. Die Halbtonklappe müsste also frei schweben. Die Lösung sind Buchenleisten, die auf den Wirbelstock geleimt und geschraubt werden.

Am Ende sind Halbtonklappen aus Bronze von Peter Brough montiert. Auf den ersten Blick sieht die Anordnung etwas befremdlich aus - funktioniert aber bei der Saitenspannung der Harfe einwandfrei.

Zur Rapsblühte Ostern 2014 hat die Nechanice-Harfe nun an allen C- und F- Saiten Halbtonklappen bekommen und kann neben der Grundstimmung C-Dur, jetzt auch in D-Dur und G-Dur gespielt werden.


Die Harfe wurde verkauft


Steckbrief "Nechanice No 132"
Erbauer: Winfried Goerge / Freisingen
Baujahr: 1994 / aufgearbeitet 2014
Besaitung: 35 Saiten / Tynex, Nylgut
Tonumfang: HH - a''' / Grundstimmung C-Dur
Holzart, Oberfläche: europ. Kirschbaum, Hartöl
Klangdecke: Alpenfichte
Halbtonmechaniken: ehemals historische Haken
aktuell Bronzeklappen P. Brough an C + F
H x B x L / Gewicht: 165 x 32 x 60 cm / 7,3 kg
Besonderheiten:
  • quer gemaserte Klangdecke
  • sehr lange Mensur